Nehmt eine Hand voll junger Typen, die ein erfolgreiches Independentvideo drehen wollen. Jetzt stellt sich nur die Frage, wie man das anstellt? Dass man schockieren muss hat uns schon Johnny Knoxville gezeigt. Der war damit erfolgreich, also behält man das bei. Nur Jackass ist mittlerweile ausgelutscht, weil's jeder Affe im Internet, auf Hinterhöfen und im Fernsehen nachahmt.

Was also dann? Da dachten sich diese Typen, deren Firma sich Indecline nennt, dass man einfach ein Video aus zusammengeschnittenen Prügelszenen bastelt, zwischendurch noch ein paar Penner quält und noch ein, zwei Crackdealer zeigt und - ¡Tada! - eines der erfolgreichsten Independentvideos ist auf dem Markt:

Bum Fights - Cause for Concern

Aber was ist Bum Fights? Schwer zu erklären. Jedenfalls führen sie den Jackass-Kult "gekonnt" eine Runde weiter - zumindest, wenn man nicht all zuviel auf die Menschen- würde von Obdach- und Mittellosen legt. Aber klar, wer tut das schon?

Das Video protzt mit Szenen, die jedem Gutmenschen oder egal wem, mit nur ein bisschen mehr Moralvorstellung als Saddam Hussein, eigentlich kalte, schmerzhafte Schauer über den Rücken gleiten lassen müssten. Denn einen Obdachlosen zu sehen, der mitten in der Nacht gefesselt wird, sich hilflos wehrt, mit einer Markierung versehen wird, nicht weiß was mit ihm geschieht und dann auch noch verschleppt wird, ist kein Beispiel für brave Nächstenliebe. Im Gegenteil.

Und jetzt kommt der Knackpunkt: Es ist unterhaltend. Unterhaltend auf einem Level der Jerry Springer Show : Man ist schockiert und schämt sich fremd. Wenn der so genannte Stuntbum Rufus (siehe erstes Bild rechts) Anlauf nimmt, um dann mit seinem Kopf durch eine Fensterscheibe zu krachen, muss man unwillkürlich lachen. Immerhin kann man sich ja immer vorhalten, dass die überaus netten und vorsorg- lichen Leute bei Indecline den netten verkorksten Männern ja immer schön viel Alkohol besorgt haben, und das ist schließlich die Hauptsache (für diese Obdachlosen, wa?).

Im weiteren Verlauf des Films lässt man es sich auch nicht nehmen eine ziemlich echte Kopie des Crocodile Hunters als so genannten Bum Hunter auf die Männer loszuschicken. Der Crocodile Hunter fängt normalerweiße mit bloßen Händen wilde Tiere ein, die er dann gründlich beschreibt und von denen er sich auch manch- mal unbeabsichtigt beißen lassen muss, aber das dürfte ja soweit bekannt sein. Beim Bum Hunter geht's quasi genauso zu. Nachts werden irgendwelche Obdachlose überfallen, ihnen mit Kabelbinder Hände und Füße zusammengebunden und dann wird etwa das prachtvolle Haar der armen Socke beschrieben.

Die Opfer des Bum Hunters wissen von nichts, weshalb sie natürlich dementspre- chend verängstigt sind, wenn mitten in der Nacht ein Typ auf ihnen sitzt und sie sozu- sagen von laufender Kamera gedemütigt werden. Nein, das ist dann nicht mehr lustig oder unterhaltend, sondern nur noch abstoßend, liebe Indecline-Leute.

Jedenfalls hat Bum Fights noch mehr als den Bum Hunter und den Stuntbum Rufus zu bieten: Die Szenen zwischen den eigentlich Hauptszenen zeigen neben den erwähnten Prügeleien auch, wie man etwa ein Graffiti an einen vorbeifahrenden Bus sprüht oder wie man billig an Crack kommt. Wobei wir schon beim nächsten Thema wären: Den Crackdealern!

So erzählt etwa der Crackdealer T-Bone (siehe Bild), dass man bei ihm nur den besten Shit kaufen kann, wie auch bei seinem Dealerkollegen Bling Bling. Bling Bling ist aber um einiges härter als T-Bone, denn vor laufender Kamera hat er keine Pro- bleme damit Drogen zu konsumieren oder einfach mal eben so in bester Bierschiss- Mania auf den Bürgersteig zu kacken. Außerdem erleben wir, wie Bling Bling voll drauf ist und seinen eigenen Song performt oder wo er seine hauseigene Crackpipe ver- steckt. An dieser Stelle ein Tipp an unsere 08/15-drogensüchtigen Leser: Crackpipe im Kragen verstecken!

Soviel zu unseren Vertriebsleuten. Indecline hat übrigens eine super geniale Methode für Permanent-Marketing erfunden, denn für eine Hand voll Dollars haben sich ein paar der Kerle Bum Fights auf die Hände oder auf die Stirn tattoowieren lassen. Uns hat das zu ähnlichen Methoden veranlasst (siehe hier und hier ). Falls sich dafür noch mehr Freiwillige finden, schickt uns Bilder von euren eayz-Tattoos - zur Beloh- nung gibt's dann ein T-Shirt oder vielleicht sogar auch rein gar nichts.

Wie kann ich euch nun noch sagen, was euch erwartet, wenn ihr Bum Fights in den DVD-Player schiebt? Ich zitiere den US-Radiomoderator Howard Stern: "Jackass to the extreme! I'm shocked and I'm not shocked by much. You gotta see it!" Genauso kann man's sagen, also stille Zustimmung meinerseits. Wer das Video jetzt immer noch - oder gerade jetzt erst! - bestellen will, den verweise ich zur offiziellen Webseite von Bum Fights.

Update, 22.8.2006: Die selbst betitelte "anti-everything"-Gruppierung Indecline hat die Rechte an Bum Fights nach rechtlichen Schwierigkeiten an eine andere Produktionsfirma verkauft, die mittlerweile schon Volume 2 und 3 veröffentlicht hat und dieser Tage, am 1.8.2006, gar Teil 4 der umstrittenen Serie herausge- bracht hat. Nach Teil 1 ist der Hype zwar abgeflacht, aber dennoch für einige der ursprünglichen Macher ein aktuelles Thema. Zum Beispiel für Ryan McPherson, einer der Jungs von Indecline, der im Juli 2006 für sechs Monate ins Gefängnis gekommen ist - verurteilt wegen der Verbrechen in Bum Fights Volume 1. Aber aus rechtlicher Sicht hat der Fall Bum Fights noch mehr zu bieten: So ist Bum Fights in etlichen Staaten verboten worden und etliche der Akteure wurden verurteilt. Der Crackdealer Bling Bling kam aus den im Artikel genannten Gründen ins Kittchen. Immerhin hat man Bling Bling bei Indecline nach seiner Freilas- sung seinen größten Wunsch erfüllt und ihn eine CD (und natürlich ein weiteres Skandalvideo) aufnehmen lassen.

Während die ursprünglichen Macher von Indecline - über die neuen ist relativ wenig bekannt, wahrscheinlich nur menschenverachtende Profitgier - sich immerzu auf Satire berufen und sagen, dass sie der Gesellschaft nur einen Spiegel vorhalten wollen, nimmt das Phänomen Bum Fights noch traurigere Ausmaße an: Im August 2005 wurde in Australien ein Obdachloser mit Baseballschlägern von zwei 19jährigen, die sagen, sie wären von Bum Fights inspiriert worden, erschlagen. Derweil sorgt man sich in den USA um seine Obdachlosen, da bestimmte Kids sich tatsächlich einen Spaß daraus machen, diese zu verprügeln. Das mit dem Spiegel vorhalten hat leider also doch noch geklappt.

- Eay // 25.4.2003